Samstag, 24. Januar 2015

Auf Wiedersehen Karstadt

(Hinweis: Der Text ist von 2009, als es Karstadt sehr schlecht ging. Deshalb heute hier, weil es auf Facebook um die Einfädelfee geht.)


Erdgeschoß. Im Erdgeschoß sind die hochnäsigen Waren zuhause. Zuerst der Schmuck und die Uhren, dazu das Parfum, die Cremes und Puder. Dazu noch die Lederwaren, die Schreibwaren und die teuren Süßwaren. Die Verkaufstheken sind so kompliziert angeordnet wie die Empfangshallen in der Verbotenen Stadt des chinesischen Kaisers. Die schönste Stelle im Erdgeschoß ist das ganz in die Ecke verbannte Regal mit den billigen Parfums und Verliererrasierwässern von Nonchalance, Tabac und Old Spice.

1. Stock. Hier sind die Damenoberbekleidung und die Schuhe untergebracht. Die verschiedenen Teile der Damenoberbekleidung muß man sich vorstellen wie Wortarten und der gesamte 1. Stock ist eine Grammatik. Also sind zum Beispiel Hosen die Substantive, Blusen sind Verben und der rotgestreifte Schal ein Indefinitpronomen. Den ganzen Tag suchen Kundinnen, bis sie einen richtigen Satz zusammengekauft haben. Mit viel Geschmack und etwas Glück ist es sogar ein kurzes Gedicht.

2. Stock. In diesem Stock gibt es Herrenkleidung. Hier bedient ein langgedienter Mitarbeiter und verkauft Anzüge seit einer Ewigkeit. Ob ein Anzug zwickt oder paßt, das konnte er nach 10 Jahren aus den Augenwinkeln sehen. Jetzt, nach 30 Jahren, sieht er nicht nur, ob der Anzug seinem Träger paßt, sondern auch, ob der Anzugträger seinen Zielen und Aufgaben gewachsen sein wird, die er in diesem Anzug zu bestehen hat.

3. Stock. Hier ist die Computerabteilung, das elektrische Zubehör, die Sportartikel und Multimedia. Phono hat auch ein Plätzchen gefunden. Einst stolz über das halbe Stockwerk verteilt, mit einer Theke zum Plattenvorhören, hat Rock Pop International genau so viel Regalplatz wie die bunten Plastikwäscheklammern. Weiter hinten leuchten die Spielwaren. Die Spielwarenabteilung versorgt das restliche Kaufhaus mit kinetischer Energie. Die Energie wird aus dem zentrifugierten Geplärre, Gejammer und Geschrei gewonnen, das die Kinder tagsüber hier veranstalten. Mama kuck mal hier gibt es ganz süße Baby Born Sachen, Papa hier ist der Lego Ritterburg sieh doch mal. Falls die Kinder zu wenig Spektakel gemacht haben, müssen Galeerenstoffbären nachts die Versorgungslücke wegrudern. Auf der Rolltreppe hatte mir meine Mutter erklärt, daß ein Kaufhaus ein Laden sei, in dem man alles kaufen könnte, was es gibt. Ich verstand das so, daß von allen Gegenständen, die es auf der Welt gibt, mindestens ein Exemplar in diesem Kaufhaus vorhanden sein müßte. Sozusagen eine Arche Noah für Gegenstände. Allerdings verstand ich überhaupt nicht, was dann unser Auto im Kaufhausparkhaus machte. Würde unser Auto jetzt hier verkauft werden?

4. Stock. Den 4. Stock teilen sich die Gardinen mit den Handtüchern, der Tischwäsche und der Bettwäsche. Und natürlich die Kurzwaren. Die Kurzwarenabteilung ist der geheime Mittelpunkt des Kaufhauses. Sie ist schwierig zu finden, und es ist denkbar, daß sie an manchen Tagen gar nicht vorhanden ist; man sollte nach dem großen Knopftisch Ausschau halten. Und der wichtigste Artikel der Kurzwaren, das Herz des Mittelpunktes, gut versteckt zwischen Zackenscheren, Armspangennadelkissen, Nahttrennern und Handmaßen, das ist die kleine, silberne Einfädelfee. 

5. Stock. Hier gibt es die kleinen und großen Küchengeräte, das Porzellan, Geschirr und die Bestecke, dazu die Lampen und Glühbirnen. Dies ist das Stockwerk, in das früher schnaufende alte Tanten aufbrachen, um ihren Nichten etwas Aussteuer zum Namenstag hinzuzuspendieren. Günstigenfalls die 70teilige Besteckgarnitur, oder aber auch nur eine häßliche Kuchenplatte, wenn sie ihre Nichte nicht leiden mochten. Diese ganzen Angelegenheiten erfordern aber einen so hohen Zivilisationsgrad, den wir kaum mehr erreichen werden (Tanten, übergewichtige Tanten, Nichten, Heirat, Aussteuer, Aussteuertruhen, Kaffeetrinken, Buttercremetorten).

6. Stock. Betriebsrestaurant. Im Betriebsrestaurant ist das Angebot der Woche ein Putenschnitzel mit Salzkartoffeln und Leipziger Allerlei. Salzkartoffeln sind einfach Kartoffeln ohne irgendetwas, genau wie ein normales Fahrrad immer schon ein Tourenfahrrad ist. Das Leipziger Allerlei sind einfach viele Erbsen mit einigen Möhren und wenig Blumenkohl. Eigentlich gehörte noch Spargel hinein, aber den kann man höchstens mit der Einfädelfee – wenn man denn eine hätte – auf dem Teller finden. Im Betriebsrestaurant riecht es noch immer nach Zigaretten, die hier vor dreißig Jahren geraucht wurden. An einem Fensterplatz kann man weit herunterblicken, und es ist immer viel Betrieb. 

(11.6.2009)

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