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Freitag, 16. April 2010

Ich wär so gern in Dahala Khagrabari

Kürzlich las ich über Enklaven, oder Exklaven, was das gleiche ist, nur andersherum gesehen, und stieß auf den den interessanten Komplex der indisch-bangladeschischen Exklaven. Es heißt tatsächlich „bangladeschisch“, obwohl das blöd klingt und „bangladeschoid“ oder „bangladeschesk“ schicker gewesen wären. Wie auch immer, der gesamte Komplex an östlichen Grenze Indiens besteht aus 102 indischen Enklaven in Bangladesch und 71 bangladeschischen Enklaven in Indien. Innerhalb der indischen Enklaven gibt allerdings wiederum 21 bangladeschische Unterenklaven, also Enklaven in Enklaven. Und, das ist einmalig auf der Welt, es gibt dort eine indische Unterunterenklave, die einzige Enklave dritter Ordung auf der Welt, ein 7000qm großes Jutefeld namens Dahala Khagrabari. Nochmal zum Mitschreiben: Dahala Khagrabari ist eine indische Enklave, welche in einer bangladeschischen Enklave liegt, welche in einer indischen Enklave liegt, welche in Bangladesch liegt. Und das, liebe Inder, liebe Bangladeschianer (?), muss Euch erstmal einer nachmachen.

Dienstag, 5. Januar 2010

Das Tunguska-Ereignis

Als ich heute morgen die Tür öffnete, stellte ich fest, daß ich jetzt in Sibirien wohnte. Offenbar bin ich letzte Nacht versehentlich umgezogen. Zum Glück mußte ich nur zum Pennymarkt. Kaum hatte ich einige Meter zurückgeleg, war ich heilfroh darüber, wenigstens nicht die Leerguttüte mitgenommen zu haben. Eine solche Last hätten meine treuen Schlittenhunde nicht lange ziehen können. Ich hätte die Tüte mit 3 Euro 25 Cent Einwegpfand im ewigen Eis zurücklassen müssen und gewiß wäre heute noch so ein Arschloch vorbeigekommen und hätte es mitgenommen. Wahrscheinlich hätte ich sogar noch einige meiner Schlittenhunde opfern und aufessen müssen. Der Pennymarkt war glücklicherweise an derselben Stelle wie bei der alten Wohnung und die dicke rothaarige Kassiererin ist auch mit nach Sibirien umgezogen, komisch eigentlich. Ich kaufte eine Dose Suppe, eine Pepsi-Light und eine Packung Sülzwurst. Das Toastbrot war noch vom Samstag, das habe ich ihnen glatt dagelassen. Allerdings werde ich somit morgen früh noch eine Expedition ausrüsten müssen. Auf dem Rückweg – der Wind pfiff mir mit 140 Stundenkilometer 30 Minusgrad kalt entgegen – fiel mir das Tunguska-Ereignis ein, das sich vor 100 Jahren in Sibirien ereignete. Das wäre was, wenn jetzt hier auch ein Komet explodieren würde! Damals hatte es 13 Jahre gedauert, bis überhaupt jemand dort vorbeigekommen ist, um sich den Schlamassel anzuschauen. 60 Millionen Bäume wurden damals umgeknickt. Ich bin mir gar nicht sicher, ob in Berlin inklusive Grunewald überhaupt so viele Bäume stehen. Da kamen mir meine Einwegpfandprobleme doch gleich klein und unwichtig vor.

Freitag, 2. Oktober 2009

Die Verwandtschaft der Gegenstände

Es ist ein weitverbreitetes Vorurteil, daß die Verhältnisse der Gegenstände untereinander sich gerade einmal auf pauschale Urteile „ähnlich“, „gleich groß“, „genauso schwer“ oder „teurer“ beschränken. In Wirklichkeit sind die Gegenstände miteinander verwandt.
Socken haben nur Schwestern. Stühle und Tische, überhaupt alle Möbel haben hauptsächlich Vettern und Cousinen. Berüchtigt für die Kompliziertheit ihrer Verwandtschaftsverhältnisse sind die Schreibwaren, deren Verschwisterung und Verschwägerung zwischen Bleistiften verschiedener Härtegrade, Kugelschreiber unterschiedlicher Farben, harten und weichen Radiergummis selbst eifrigsten Forschern verschlossen blieben.
Eine matrilineare Abstammung haben Gartengeräte, wie man an jeder Harke und ihren hübschen Töchtern sieht. Legendär ist der verwandtschaftliche Erfindungsreichtum der Anziehsachen, da prinzipiell jede Sache drunter der Nachfahre der Sache drüber ist, außer bei Jacken, bei Schuhen, bei Socken und natürlich bei Schals und Hüten. Wenn man sich winterlich kleidet, dann ist das eine Angelegenheit, mit der im Kleiderschrank drei Großfamilien befaßt sind. Möglich ist zum Beispiel, daß Ihr linker Handschuh die Nichte ihres Wollunterhemds ist. Über Küchengeräte brauchen wir hier überhaupt nicht zu sprechen, das ist ein Sodom und ein Gomorrha. Rührschüsseln etwa sind grundsätzlich stockschwul, und Handmixer auch irgendwie pervers, beide zusammen leben sie mit den kampflesbischen Suppenlöffeln in einer Art Avunkulat.
Deshalb sollte man sich auch immer überlegen, mit welchen Gegenständen man Streit anfängt. Vielleicht haben sie einen Betonmischer als großen Bruder.

Mittwoch, 9. September 2009

Es ist groß oder klein, gut oder schlecht, oder anders

Im Norden Neuguineas liegt die Provinz Ost-Sepik, von der bislang kaum jemand irgendetwas gehört hat. Im unzugänglichen Süden dieser Provinz, im tiefsten Regenwald, hinter allen sieben Bergen, da lebt ein kleines Volk, das gerade einmal 300 Köpfe zählt. Dieses Volk spricht Yimas. Diese Sprache zeichnet sich dadurch aus, daß sie gerade einmal fünf Adjektive hat. Diese sind kpa (groß), waca (klein), yua (gut), mama (schlecht) und ma (andere). Yimatische Werbung muß also auf „erlesene Materialien“ und „exklusive Vorteile“ verzichten. Ihren Weinkritiken fehlen „verspielte Nasen“ und „seidige Säurenerven“, und ihre Autotester berichten niemals über einen „facegelifteten Mercedes“ mit „markantem Motorengeräusch“. Ihr Wein ist entweder yua oder mama, und ihre Autos sind kpa oder waca.

Eine Frage ist, ob die Yimaesen zu beneiden oder zu bemitleiden sind. Immerhin kennen sie nicht die Verlegenheit, das gute kleine Wort zu finden, das genau an diese Stelle passt. Möglicherweise ist es auf der anderen Seite schwierig, in dieser Sprache die feinen Unterschiede auszuleuchten. Aber ist es überhaupt ein Zeichen höherer Kultur, wenn eine Sprache sich einen riesigen Zoo voller Adjektive hält? Wenn diese Kultur ein Wort für ein malapropistisches Wort kennt, aber ihre Jugend im täglichen Sprachgebrauch sogar nur mit zwei Adjektiven(geil/ungeil) auskommt? Ich werde jedenfalls meine Adjektive zukünftig einmal zählen und numerieren, wenn ich es nicht vergesse. Ich schätze, daß ich mit 50 locker auskomme, und daß ich für mein 100. Adjektiv schon in den Keller muß, um es aus dem Regal mit dem Eingekochten hochzuholen.

Vielleicht ist es ja auch so, daß die Yimantiner den Ethnologen bei der Spracherhebung einfach verarscht haben („Alle Adjektive will er wissen? Der dicklichblassmundriechende Typ spinnt ja wohl. Aber warte mal...“) Oder daß der Gebrauch von Adjektiven nach Wochentagen oder Jahreszeiten geregelt und verschieden ist. Im Winter habe ich auch, wie die Eskimos, 30 verschiedene Wörter für Schnee und kalt, aber im Sommer kenne ich 30 Ausdrücke für Mit-einem-kalten-Bier-im-warmen-Biergarten-sitzen.